<img height="1" width="1" style="display:none" src="https://www.facebook.com/tr?id=312843665760096&amp;ev=PageView&amp;noscript=1">
blog-banner.jpg

SEI TEIL DER OUTDOOR-REVOLUTION!

Publiziert von Walter Krummenacher on 9.12.2016 15.29.31

Vom Operationssaal auf 7000 Meter

Das Ende eines 100 Kilometer Laufs im Militär gab den Ausschlag: Dr. Markus Pisan wollte mehr. Er wollte seine Leistungsgrenze kennenlernen und an die physischen Grenzen stossen. 2013 entschloss sich der Chirurg deshalb, den Aconcagua zu besteigen – Rund 7000 Meter über Meer.

Pisan_4.jpg

Er sei kein extremer Bergsportler, sagt Markus Pisan zum Beginn des Interviews. Trotzdem bestieg der Chirurg bereits den Kilimandscharo und den Aconcagua. Zwischen zwei Operationen konnte er sich etwas Zeit nehmen, um mit uns über seine Erlebnisse zu sprechen.

Polarmond: Was treibt Sie auf einen Berg, der beinahe 7000m hoch ist?

Markus Pisan (MP): Die Geschichte, wie ich zum Aconcagua stiess, ist folgende: Am Ende der Offiziersschule mussten wir einen 100-Kilometer-Lauf absolvieren. Damals war ich knapp dreissig Jahre alt und ich stand vor diesem Lauf und dachte, dass ich das niemals schaffe. Aber am Schluss kam ich im Ziel an und wäre auch nochmals 50 Kilometer weiter gelaufen, wenn mich jemand dazu aufgefordert hätte. Seither bin ich auf der Suche nach meiner Leistungsgrenze.

Was war ihr nächstes Ziel?

Lange Zeit dachte ich, dass der Kilimandscharo diese Leistungsgrenze darstellt. Aber ich kannte niemanden, der mich begleiten wollte. Als ich meinen Freund Urs kennenlernte, änderte sich das und so gingen wir gemeinsam auf den Kilimandscharo. Wir hatten aber nicht eine Sekunde lang das Gefühl, dass wir nicht mehr weiter mögen. Deswegen nahmen wir den Aconcagua (6962m) in Angriff.

Wie haben Sie sich auf den Aconcagua vorbereitet?

Wir gingen oft in die Berge, joggten viel und schauten, dass wir so fit sind, wie wir das bestmöglich hinkriegen. Gegen Ende der Vorbereitungszeit ging ich zwei Mal pro Woche joggen. Jeweils einmal für ca. 30 Minuten und einmal für eine Stunde. Zwischendurch gingen wir noch auf den Vitaparcours und quälten uns ein wenig. Das Durchhaltevermögen und die Ausdauer kann man beeinflussen. Das Wetter und die Höhe nicht.

Die Vorbereitung ist ja eigentlich das Spannendste. Man muss sich mich Kleidern und einem Schlafsack eindecken. Das Zelt wurde uns bei dieser Reise zur Verfügung gestellt. Und man muss sich klar sein, dass alles Platz haben muss.

New Call-to-action

Gibt es Dinge, die Ihnen bei einer solchen Reise besonders wichtig sind?

Der Schlafsack wird auf einer solchen Reise extrem wichtig. Wenn man im Hochlager ankommt, hat es dort nichts. Dann richtet man sich zuerst mal ein. Und dann legt man sich für ein paar Stunden hin. Nicht unbedingt weil man extrem müde ist, aber was will man tun? Man könnte sich auf einen Stein setzen. Man ist also oft im Zelt und liegt in diesem Schlafsack. Es ist die einzige Rückzugsmöglichkeit, die einem gewährt wird.

Brauchten Sie eine Erlaubnis, um den Aconcagua zu besteigen?

Im Basislager mussten wir einen medizinischen Check durchlaufen. Da wurden der Blutdruck und der Atem gemessen und abgehört, ob man ein Lungenödem hat. Mit uns war alles in Ordnung. Aber als wir losgingen, musste eine Teilnehmerin mit dem Helikopter abgeholt werden. Der ging es zwar nicht schlecht, aber sie röchelte ein wenig und wurde deshalb ausgeflogen. 

Können Sie als Arzt solche Situationen besser einschätzen?

Mein Freund und ich hatten abgemacht, dass wir zurückgehen, sobald es jemandem von uns nicht gut geht. Wir mussten uns nichts beweisen. Wenn es nicht mehr geht – auch 300 Meter unter dem Gipfel – gehen wir zurück. So war die Abmachung. Das entlastete die ganze Situation bereits. Aber es ist schon spannend: Man ist an diesem Berg und hört in sich rein. Man denkt: Die Atmung ist gut, die Füsse sind gut, ich habe keine Schmerzen. Vielleicht bin ich mir dessen als Arzt etwas bewusster.

Hatten Sie Schwierigkeiten mit der Höhe?

Das Atmen fiel mir manchmal schwer. Nicht während dem Aufstieg aber während dem Liegen und dem Schlafen. Die Atemfrequenz fällt in diesen Höhen zurück und da kommt es vor, dass man in der Nacht erwacht und ein paar Mal tief einatmen muss. Aber das ist nicht weiter schlimm.

Wie war der Aufstieg?

Ich war mental noch nie so weit weg von der Arbeit, wie bei dieser Reise. Da interessiert dich nichts mehr, ausser dein Freund und du selbst. Ab 8000 Metern sei das noch extremer, sagt man. Da kann man dann nicht mal mehr auf den Freund aufpassen.

Der Aconcagua ist sehr karg. Trotzdem waren Sie fasziniert von diesem Berg?

Das ist vielleicht gerade die Faszination: Das es gar nichts mehr gibt, das einen ablenken könnte. Ich glaube bei schwierigeren Bergen kommen dann noch die objektiven Gefahren dazu. Also Lawinen, Gletscherspalten und so weiter. Das hatten wir nicht. Die Landschaft war so karg, dass man sich ausschliesslich auf sich selbst konzentrieren konnte.

Pisan_5.jpg

Wie waren denn die Umstände auf dem Aconcagua?

Der Acancagua ist normalerweise sehr windig und hat rund fünf Wind-freie Tage pro Saison. Wir aber hatten einen windstillen Tag. So konnten wir bei -10° C etwa für zwei Stunden auf dem Gipfel ausharren, bevor die letzten unserer Gruppe eintrafen. Eine Arbeitskollegin war eine Woche später auf dem Acancagua und musste ab dem Basislager mit Steigeisen gehen. Am Abend mussten sie jeweils das Zelt ausbuddeln. All das blieb uns zum Glück erspart.

Das war kurz nach Ihnen?

Ja, wir erhielten ein neues Zeitfenster im Lager 1 weil ein Wetterumschwung bevorstand. Eigentlich wäre der Plan gewesen, dass wir uns im jedem Lager zuerst etwas ausruhen, am Folgetag zum nächsten Lager aufsteigen und wieder ins Ausgangslager zurückkehren, um die Nacht dort zu verbringen, bevor man dann am dritten Tag ins nächste Lager aufbrach. Das neue Zeitfenster räumte uns aber nur drei Tage ein. Und so entschieden wir uns, in drei Tagen den Gipfel zu erreichen. Das war etwas sportlich.

Haben Sie also Ihre Leistungsgrenze erreicht?

Das Foto vom Gipfel; auch da hatten wir noch das Gefühl, es würde noch weiter gehen. Es muss noch höher gehen. Man darf den Aconcagua nicht herunterspielen – es bleiben rund 7000 Meter. Aber die Leistungsgrenze haben wir noch nicht erreicht.

Gibt es dementsprechend bereits ein neues Ziel?

Nein. Leider hat mein Freund eine Sprunggelenkverletzung. Und mit jemand anderem geht das nicht. Man ist sich sehr nahe auf einer solchen Reise. 12 Tage lang verbringt man Tag und Nacht zusammen. Da braucht man jemanden, der zu einer Art Schatten seiner selbst wird. Ich habe mir lange überlegt, ob ich noch einen 8000er in Angriff nehmen soll. Aber abgesehen von der Zeit, die das beansprucht, habe ich grossen Respekt davor, mit einer Gruppe mitzugehen und jemandem blind zu vertrauen. Ich habe mich deshalb dagegen entschieden.

Was bleibt Ihnen am meisten in Erinnerung?

Das extrem blinde Vertrauen, das ich zu meinem Freund aufbauen konnte. Es entsteht eine tiefe, geistige Freundschaft durch die Nähe, die bei einem solchen Abenteuer gefordert ist. Obwohl jeder für sich schaute, war es ganz klar, dass wir sofort umkehren würden, wenn sich einer von uns unwohl fühlen sollte.

Pisan_2.jpg

Wir haben eine übersichtliche Broschüre mit den acht schönsten 6000er der Welt publiziert. Hier kannst du ihn kostenlos herunterladen.